Frage: Die acht Spielfilme, bei denen Sie Regie f?hrten, sind sehr unterschiedlich in der Thematik. Wann und wie kam es dazu, das Sie Kikujiros Sommer drehen wollten?

Takeshi Kitano: Die Rohfassung des Drehbuchs lag schon eine Weile herum. Die meisten meiner Filme handelten von Gewalt. Aber w?hrend ich diese Filme drehte, habe ich viele Drehb?cher geschrieben, in denen es nicht um Gewalt geht. Nach Hana-Bi dachte ich, dasss es jetzt an der zeit war, einen ganz anderen Film zu drehen. Ich hatte viele verschiedene Ideen bevor ich meinen achten Film startete. Ich habe Kikujiros Sommer gew?hlt, weil ich sp?rte, dasss es richtig f?r mich war.

Frage: Wieso haben Sie sich f?r den 9 Jahre alten Yusuke Sekiguchi f?r die Rolle des Masao entschieden?

Takeshi Kitano: Auf den ersten Blick wirkt er wie ein sehr gew?hnlicher Junge. Aber wie bei eigenen Kindern w?chst er dir um so mehr ans Herz, je h?ufiger du mit ihm zusammen bist. Es gab viele andere Kinder, die besser aussahen als er, aber dann dachte ich: "Wird irgend eines dieser h?bscheren Jungs mir n?her stehen als einer anderer?" Ich habe schlie?lich das Kind gew?hlt, das am Anfang des Films unscheinbar aussehen w?rde, und das einem w?hrend des Filmes ans Herz w?chst.

Frage: Wie waren die Dreharbeiten f?r Sie und den Jungen, haben Sie sich auf Anhieb gut verstanden?

Takeshi Kitano: Zu Beginn redeten wir kaum miteinander. Unsere Beziehung ?nderte sich im Laufe der Dreharbeiten. Wir wurden allm?hlich offener miteinander und die Distanz zwischen uns wurde kleiner. Es erging uns ?hnlich wie den Charakteren, die wir im Film spielten. Frage: Wie ist es mit einem Kind zu drehen? Gas es Schwierigkeiten? Oder Vorteile?

Takeshi Kitano: Man darf von Kindern eigentlich nicht erwarten, dasss sie schauspielern k?nnen. Wenn Kinder es versuchen, oder wenn sie zu gut spielen, wirken sie auf mich ?berheblich. Das mag ich nicht. Es ist gar nicht n?tig, Kinder mit minuti?sen Anweisungen zu bel?stigen. Nur die Personen hinter der Kamera sollten Schwierigkeiten haben, nicht die davor.

Frage: K?nnen Sie uns erz?hlen, weshalb Sie die stilistischen Elemente der Traumsequenzen gew?hlt haben?

Takeshi Kitano: Im gro?em und ganzen ist dieser Film wie ein Bilderbuch. Wie im Bilder buch erz?hlt Kikujiros Sommer "es war einmal eine Geschichte wie diese". Die Traumsequenzen sind einfach Tr?ume in Bilderb?chern. Ich wollte sie nicht realistisch drehen. Ich wollte, dasss sie aussehen wie Gem?lde, die verputzte Farbe noch klar sichtbar. Man soll erkennen, dasss sie in einem Studio gedreht wurden. Da das Format des Filmens ein Bilderbuch ist, h?tte es keinen Sinn gemacht, Tr?ume realistisch zu drehen.

Frage: Gibt es autobiographische Elemente in der Geschichte von Kikujiros Sommer?

Takeshi Kitano: Nein ?berhaupt nicht. Aber mein Vater sprach in meinem ganzen Leben nur drei S?tze mit mir, an die ich mich erinnere. Er sagte "danke dir", "es tut mir leid" auf seinem Sterbebett. Oder "was machst Du?" und andere Worte mit ?hnlicher Wirkung. Ich hatte daher nicht die leiseste Idee, wie ich Eltern und Kinder, oder nur Erwachsene und Kinder zeigen sollte. H?tte ich in meiner Familie eine richtige Eltern-Kind-Beziehung erlebt, h?tte ich mein Charaktere noch treffender darstellen k?nnen. Aber ich wusste nichts ?ber diese Dinge. Das unausweichliche Resultat ist eine beachtliche Distanz zwischen den Charakteren. Diese Distanz h?rt den ganzen Film hindurch nie auf. Ich nenne diese Distanz "Sch?chternheit". Eine normale Person w?rde erwarten, dass Erwachsene und Kinder einen engeren und tieferen Austausch von Gef?hlen haben. Aber ich habe mein Charaktere nicht in dieser Weise gezeigt.

Frage: Der Charakter des Kikujro hat mit Ihrem Vater die Sch?chternheit gemeinsam. Z?hlt das nicht als autobiographisches Element?

Takeshi Kitano: Mein Vater war eine au?ergew?hnlich sch?chterne Person. Erst seit kurzem wei? ich, dasss er eine ?ngstliche Person war. Die es nicht ertragen konnte, alleine zu sein. Aber es ist nicht so, dasss ich seine Charaktereigenschaften in meine Rolle eingebaut habe. Wenn Sie es immer noch als autobiographisch betrachten, dann ist es vielleicht so.

Frage: Der Film hat viele komische Momente. Wie ist Ihre Einstellung zur Comedy?

Takeshi Kitano: Ich bin in Japan sehr bekannt als Kom?diant. Comedy ist mein Beruf. Ich h?tte auch komischere und clevere Witze einbauen k?nnen. Aber das h?tte den Film zerst?rt. Im Film musst du Gags verwenden, die zur Geschichte passen. Wenn nicht, f?llt es zu sehr auf oder passt nicht in den Kontext. Man muss also versuchen, Gags innerhalb der Grenzen des Films zu verwenden. Ich habe das mit den Kinderspielen gemacht. Wenn also jemand sagt "Takeshi, f?r einen Komiker sind die Gags, die du in dem Film verwendest, ziemlich billig", dann antworte ich "Schwirr ab!" Der Film handelt nicht nur von Comedy. Ich habe im Voraus ?berlegt, welche Art von Gags zur Geschichte passen. Ich habe entschieden, dasss, in Anbetracht der Beziehung zwischen den Hauptdarstellern, sie nicht zu lustig sein sollten. Daher k?nnen die komischen Szenen nicht einzeln herausgesucht und daf?r kritisiert werden. Frage: Halten Sie sich w?hrend der Dreharbeiten strickt an die Drehb?cher?

Takeshi Kitano: Vergleicht man das Filmemachen mit franz?sischer oder italienischer K?che, sagen meine Drehb?cher blo?: "Koche dieses franz?sische Gericht mit diesen Zutaten." Ich wei? nicht, ob ich es braten oder kochen soll, bis ich es dann tats?chlich tue. Wenn das Braten nicht funktioniert, dann ist es o. k., zu kochen. Ich wei? nicht, wie meine Filme werden, bis zum tats?chlichen Dreh. Im Allgemeinen sind die Drehb?cher folgenderma?en geschrieben: "Brate dieses in dieser Weise, dann koche es in jener Weise, dann verwende diese bestimmte Bouillon." Es gibt keine W?rzanweisungen in meinen Drehb?chern. Ich musss ?ber das W?rzen nachdenken, nachdem ich angefangen habe zu drehen. Aber ein franz?sisches Gericht ist immer noch ein franz?sisches Gericht.

Frage: Mehr als sonst ist in Kikujiros Sommer die Zusammenarbeit mit dem Komponisten Joe Hisaishi hervorgehoben, fast schon als eine Geste der immensen Bewunderung und des Respekts. Wie l?uft Ihre gemeinsame Arbeit ab?

Takeshi Kitano: Fr?her habe ich ihm den Rohschnitt des Filmes gezeigt und ihm dann freie Hand gelassen. Diesmal habe ich ihm genau gesagt, wie ich die Musik haben m?chte. Ich wollte, dasss der Komponist den gesamten Fluss des Films einf?ngt, denn wenn die Musik nur f?r jede einzelne Szene komponierte wird, ist der Fluss der Musik ruiniert. Ich denke, dasss Musik f?r eine komischen Szene nicht unbedingt komisch klingen musss, sie kann auch traurig sein. Der Komponist sollte diese musikalische Wirkung erzielen. So konnte ich mir w?hrend des Drehs die Musik vorstellen. Darum passt sie so gut zum Film. Speziell diese Mal hat unsere Zusammenarbeit sehr gut funktioniert. Es h?tte andererseits auch Spa? gemacht, ihn einfach ohne Anweisungen komponieren zu lassen. Einfach nur um zu sehen, mit was f?r einer Musik er ankommt. Frage: Denken Sie, dasss es einen Unterschied gibt zwischen der Art und Weise wie Ihre Filme in Japan und au?erhalb Japans wahrgenommen werden ?

Takeshi Kitano: Ich denke der gr??te Unterschied ist einfach die Prozentzahl der Weisen und der Dummen. Es gibt eine sehr viel gr??ere Prozentzahl an Dummk?pfen in Japan. Es gibt mehr Verst?ndnis.

Frage: Japaner betrachten Filme vollkommen anders?

Takeshi Kitano: Die amerikanischen Filme ?berwiegen nach wie vor in Japan. Ich denke es gibt andere Wege, Filme zu genie?en. Aber die meisten Japaner erkennen das nicht. Klar, es ist o. k., High-Budget-Kassenkn?ller zu genie?en, aber wie soll ich sagen? Disneyland kann spa? machen, aber man kann auch Vergn?gen finden in einem einfachen Kyotoer Garten.

By Dirk Jaspers (filmstar.de 1999). All rights are reserved by Dirk Jaspers. The article is reproduced by Kitanotakeshi.com.